Umsetzung Gesundheits-TV

    Viel Verantwortung

    Viel Verantwortung

    Jutta Wilke-Peters ver.di Jutta Wilke-Peters

    Jutta Wilke-Peters, Sozialarbeiterin im Kommunalen Sozialdienst ( KSD) in Hannover

    „Es ist die große Verantwortung, die belastet. Sicher, jeder muss in seinem Job Verantwortung übernehmen. Aber in unserem Beruf ist dies eine Besondere. Wenn wir Fehler machen, kann das gravierende Folgen haben – für die Kinder und für die Familie. Die Kolleginnen und Kollegen, die in den Sozialen Diensten arbeiten, zucken immer zusammen, wenn in der Presse wieder über einen Fall von Vernachlässigung oder Missbrauch berichtet wird. Oft genug steht das Jugendamt am Pranger – weil es die Kinder nicht früher aus der Familie geholt hat. Sie stehen aber auch am Pranger, wenn sie zu schnell handeln. Es ist immer eine Gratwanderung - und die Kinder sind die Leidtragenden. So oder so. Kein Wunder, dass viele von uns ihre Fälle mit nach Hause nehmen. Es schwingt immer die Angst mit, nicht die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

    Hinzu kommt: Die Eltern sind uns gegenüber nicht immer kooperativ. Oft sehen sie uns als Bedrohung, die Besserwisser, als diejenigen, die sich in ihr Leben einmischen. Es braucht jede Menge Feingefühl, die Eltern dazu zu bewegen, mit uns zusammenzuarbeiten. Das kostet ungeheuer viel Kraft. Häufig stehen drei bis vier Gespräche dieser Art pro Familie und Woche an.

    Aufgrund der vielen Fälle fehlt meist auch die Zeit, sich mit den Kollegen ausführlich zu beraten. So kann man auch die Last, die wir täglich mit uns herumschleppen, nicht mindern. Ich habe immer das Gefühl, ich bin verantwortlich, ich habe nicht genug getan. Und dann fordert die Politik oder die Verwaltung, dass sich Abläufe ändern, dass noch mehr dokumentiert wird. Dabei wird nicht bedacht, dass es Zeit braucht, die Abläufe zu dokumentieren. Ergebnis: Wir haben noch mehr Arbeit, noch weniger Zeit für Beratungen und Einzelfälle.

    Dass wir immer die Feuerwehr der Sozialsysteme sind, das liegt an unseren Aufgaben. Das wird immer so bleiben. Aber an den Rahmenbedingungen muss sich einiges ändern, damit wir überhaupt soziale Brände löschen können. Und an der Zahl der Fälle und dem Zuschnitt unserer Aufgaben lässt sich was ändern. Auch die Fortbildung kann verbessert werden. Dass Supervision noch immer nicht zum anerkannten Standard unserer Arbeit gehört, ist kaum fassbar. Wir müssen die Rahmenbedingungen verbessern – sonst geht die Arbeit an unsere Gesundheit, ohne dass wir denen, die Hilfe brauchen, tatsächlich helfen konnten.

    Die Erwartungen der Kolleginnen und Kollegen an den Gesundheitstarifvertrag sind groß. Sie wollen, dass sich was ändert, dass sich was verbessert. Die Vorstellungen darüber, was sich verändern soll, sind dabei noch wenig konkret. Klar ist: Wir brauchen regelmäßige Supervision und wir müssen Fortbildungen auch besuchen können, ohne anschließend vor noch höheren  Aktenbergen zu stehen. Das haben alle auf ihrer Agenda. Aber allen ist auch klar: Beim Thema Gesundheitsschutz brauchen wir einen langen Atem, aber wir müssen  alle dran bleiben. Damit der Tarifvertrag zum Nutzen der Beschäftigen wie der Hilfesuchenden mit Leben gefüllt wird.“