Umsetzung Gesundheits-TV

    Viele fühlen sich wie Getriebene

    Viele fühlen sich wie Getriebene

    Heinz Riehm ver.di Heinz Riehm

    Heinz Riehm, Sozialpädagoge beim Kreis Rendsburg-Eckernförde

    „Es ist die Vielfalt der Aufgaben, die wir alle erfüllen müssen, und die Komplexität dieser Aufgaben. Viele von uns fühlen sich inzwischen wie Getriebene. Die Probleme, um die wir uns kümmern sollen, werden immer mehr. Doch uns bleibt immer weniger Zeit, um uns wirklich um diese Probleme zu kümmern. Die Erwartungshaltung ist riesig: Wir sind das letzte Glied in der Kette, wir sollen es regeln. Aber wir sind nicht nur die Feuerwehr, die das Feuer löscht. Wir werden auch dafür verantwortlich gemacht, dass es überhaupt brennt.

    Und natürlich sind gerade die Kolleginnen und Kollegen tagein, tagaus in einem Zwiespalt: Sollen sie die Familie auseinanderreißen? Mit all den Folgen, die das auch für die Kinder hat? Oder sollen sie abwarten und darauf setzen, dass die anderen Hilfen wirken? Wenn etwas schiefgeht, sind wir schuld und stehen im Rampenlicht. In diesem Dilemma steckt jeder von uns – jeden Tag.

    Da kommt man morgens zur Arbeit, muss noch eine Dokumentation des Gesprächs vom vergangenen Abend schreiben und einen Hilfeplan vorbereiten, da liegt das nächste Problem, der nächste Fall schon auf dem Tisch, da wartet schon eine Mutter auf Hilfe, die mit ihrem Sohn einfach nicht mehr zurande kommt und fürchtet, er sackt ab. Es geht um Familienkonflikte jeder Art und in allen sozialen Schichten. Und wir sollen allen adäquat dabei helfen, dass sie sich selbst helfen können. Wir müssen Berichte erstellen und Fristen einhalten. Dabei darf unsere Urteilskraft nicht eine Sekunde wanken. Denn Fehlurteile haben fürchterliche Folgen für die Menschen, die Hilfe brauchen.

    Bei uns geht es nicht um Rückenprobleme, nicht um Lärm. Bei uns geht es ausschließlich um die psychischen Belastungen. Wir brauchen mehr Stellen, damit sich die Fälle nicht auf unserem Schreibtisch türmen. Und wir brauchen Supervision, die institutionalisiert ist. Es darf nicht mehr länger einem Amt überlassen sein, ob Supervision stattfindet oder nicht. Wir müssen uns gegenseitig austauschen und professioneller arbeiten, damit wir die beste Lösung für die Familie finden können. Und auch die Last auf mehr Schultern verteilen können. Es darf nie dazu kommen, dass so gravierende Entscheidungen aus schierem Zeitmangel nach Aktenlage gefällt werden. Es läuft somit immer auf eines hinaus: Gesundheitsförderung heißt mehr Stellen.

    Für viele von uns kommt eine solche Gesundheitsförderung der Wertschätzung gleich, die ich einfordere. Wem meine Arbeit etwas wert ist, der bezahlt mich entsprechend und sorgt mit guten Arbeitsbedingungen dafür, dass ich nicht vorzeitig schlapp mache. Dass es viele junge Sozialarbeiter gibt, ist nur für Nichteingeweihte positiv. Es bedeutet schlicht: Unter diesem Druck halten es nur wenige bis zur Rente aus.

    Bisher ist in Sachen Gesundheitsschutz wenig passiert. Vor allem die Eingruppierung stand im Vordergrund. Und eines muss uns klar sein: Es liegt maßgeblich an uns, ob und wie der Tarifvertrag Gesundheitsschutz ausgestaltet wird. Und: Es wird nur in kleinen Schritten voran gehen. Wir müssen dran bleiben und dafür sorgen, dass der Tarifvertrag mit Leben gefüllt wird.“