Tarifpolitik

    Erzieherinnen und Erzieher sind tatsächlich unterbezahlt.

    Erzieherinnen und Erzieher sind tatsächlich unterbezahlt.

    10. April 2015 - Bei NDR Info erklärt Wolfgang Müller in einem Kommentar, warum ein Streik selten so berechtigt war wie der nach Aufwertung im Sozial- und Erziehungsdienst.

    Selten war ein Streik so berechtigt. Erzieherinnen und Erzieher sind tatsächlich unterbezahlt, und dieser Missstand hat eine lange Geschichte. Die Erzieherin - das war das klassische weibliche Berufsbild nach dem Motto: Der Ehemann hat etwas Richtiges gelernt und verdient auch ordentlich, sie hingegen muss nur dazuverdienen. Und erziehen, so das Vorurteil, das kann im Grunde jede. Eigentlich erstaunlich, dass es dafür überhaupt Geld gibt. Manche taten es ja auch, im kirchlichen Rahmen, für Gotteslohn.

    Zugegeben, das Bild ist überzeichnet, aber in diese Richtung ging die Sache über Jahre und Jahrzehnte. Geht sie aber nicht mehr, oder besser, sollte sie nicht mehr gehen. Irgendwann muss doch einmal der einfache Gedanke in den Köpfen ankommen, dass es hier um eine der wertvollsten Aufgaben geht, die überhaupt in dieser Gesellschaft zu vergeben sind, und dass sich die Wertschätzung dafür auch sichtbar ausdrücken muss, nicht nur, aber auch im Gehalt.

    Nun werden in manchen Köpfen Bilder aufsteigen von Erzieherinnen, die eher träge und launisch wirkten und deren Qualifikationen zumindest gut versteckt waren. Mag sein, auch das ist ja Ergebnis der bisherigen Vernachlässigung eines ganzen Berufsbildes. Dessen Aufwertung muss in der Tat bedeuten: eine Auswahl geeigneter Bewerberinnen und Bewerber und eine anspruchsvolle Ausbildung. Mit Recht sind wir als Eltern hochsensibel, wenn es um unsere Kleinen geht. Wir spüren, wie empfindlich und verletzlich die sind, wie früh hier die Weichen besser oder schlechter gestellt werden. Wenn wir das aber wissen, müssen die Konsequenzen folgen, auch die finanziellen.

    Nebenbei bemerkt: Wie durch ein Wunder werden dann auch bald mehr Männer in den Kitas auftauchen, die wir dort dringend brauchen. Denn viele Kinder wachsen inzwischen in einer fast komplett weiblichen Umgebung auf, häufig mit alleinerziehenden Müttern. Sie lechzen geradezu nach einem Kerl, der auch mal eine andere Art von Dummheiten macht. Und Männer, nun ja, das etwas primitivere Geschlecht, sehen gerne Geld.

    Übrigens, für alle, denen das zu sehr menschelt - es  gibt für all dies auch knallharte wirtschaftliche Argumente. Bildungsökonomen rechnen seit Jahren vor, dass jeder Euro, den wir in die ersten Jahre eines Lebens investieren, eine viel höhere gesellschaftliche Rendite bringt als alles, was wir in die spätere Ausbildung stecken. Aber wir sollten das Thema nicht unter Niveau abhandeln. Es geht schlicht um die Frage, was im Leben wichtig ist. Und mit am wichtigsten ist, dass die ersten Jahre eines Lebens gelingen, dass sie emotional und kognitiv gut verlaufen, dass wir also im Großen und Ganzen stabile und intelligente Menschen ins Leben schicken. Und dafür brauchen wir gute Erzieherinnen und Erzieher.

    Insofern, Streiks in den Kitas, das mag für einige Wochen lästig sein, da müssen die Eltern allerhand organisieren. Es sollte ihnen das wert sein. Statt auf den Streikenden herumzuhacken, wäre geradezu das Gegenteil sinnvoll, sie zu unterstützen. Denn umso eher werden sie mit ihren berechtigten Forderungen durchkommen, und umso eher wandern die Kleinen morgens wieder in die Kita.

    Quelle: NDR Info, CS/Wa