Kindertageseinrichtungen / Horte / Ganztagsschule

    Interview mit Donata Elschenbroich

    Interview mit Donata Elschenbroich

    Donata Elschenbroich ver.di Donata Elschenbroich

    "Erzieherinnen sehen sich nicht mehr als Basteltanten sondern als Bildungsbegleiterinnen"

    Donata Elschenbroich zeigt großes Verständnis für Forderung der Erzieherinnen nach besserer Eingruppierung

    Kinder brauchen Bildungsbegleiter. Denn die Forscher, die Erkunder der Welt sind sie selbst. Eltern und vor allem Erzieherinnen in den Kindertagesstätten, in den Kindergärten sollen diese Bildungsbegleiter sein. Weil Erzieherinnen längst keine Basteltanten mehr sind, müssen Erzieherinnen nach Ansicht der Wissenschaftlerin Donata Elschenbroich besser bezahlt werden.

    Wollen Kinder nur spielen?

    Elschenbroich: Natürlich wollen Kinder spielen. Spielen ist eine zentrale Tätigkeit, eine anspruchsvolle, geistig aktive Tätigkeit. Wir dürfen die Bedeutung des Spiels auf keinen Fall unterschätzen. Aber wir müssen das Spiel befreien von der Vorstellung einer Freizeitbeschäftigung. Das Spiel ist nichts Läppisches, dem das Lernen als ernsthaftes Tun entgegensteht. Das Spiel ist der Königsweg des Lernens. Es ist eine besondere Form, sich der Welt anzunähern. Spiel ist aber kein Zeitvertreib.

    Sie sagen: Kinder erforschen im Spiel die Welt.

    Elschenbroich: Allerdings tun sie das. Kinder, schon Babys, sind kleine Forscher. Sie wollen wissen – wie die Erwachsenen auch. Und dafür strengen sie sich mächtig an. Man hat lange Zeit das Spiel kanalisiert. Erwachsene meinten zu wissen, was kindgerecht ist. Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges geändert. Der Themenhorizont ist breiter geworden. So war es lange Jahre ein regelrechtes Tabu, Kinder vor der Schule mit Schrift vertraut zu machen. Dabei weiß jeder, der mit Kindern lebt, dass sie fasziniert sind von der Welt der Zeichen. Für Kinder ist es ein wichtiges Erlebnis, seine Worte auf Papier wandern zu lassen, eine Botschaft zu schreiben. Dabei muss man nicht verkrampft an Orthografieregeln festhalten. Vielmehr geht es um den vertrauensvollen Umgang mit der Botschaft und den Zeichen.

    Kinder wollen wissen.

    Elschenbroich: Ja. Und zwar von Geburt an. Sie stellen Hypothesen auf und überprüfen sie. Und diesen Raum zum Forschen, zum Selbsterkennen müssen Eltern und Kindergarten den Kindern eröffnen. Erzieher müssen den Kindern die Erfahrung ermöglichen, dass es sich lohnt, sich zu vertiefen. Dabei ist ein Stundenplan eher hinderlich, denn er unterbricht.

    2001 ist ihr Buch erschienen „Weltwissen der Siebenjährigen“. Was hat sich seither in den Kitas verändert?

    Elschenbroich: Seither hat sich viel verändert. Es ist hoch erfreulich, dass viele Erzieherinnen bereit sind, neue Ansätze an sich heranzulassen und neue Themen zu erschließen. Das ist das eine. Das andere ist: Das Berufsbild der Erzieherinnen hat sich geändert. Erzieherinnen sehen sich nicht mehr als Basteltante, sondern als Bildungsbegleiterin. Der Beruf der Erzieherin hat an Ansehen gewonnen. Das spiegelt sich auch darin, dass kaum noch Politiker die Redewendung gebrauchen „Wir sind hier doch nicht im Kindergarten“, wenn sie einer Situation das Etikett „läppisch“ verpassen wollen. Allerdings hat die materielle Wertschätzung mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten.


    Was meinen Sie damit genau?

    Elschenbroich: Es ist nicht auszuhalten, dass Erzieherinnen zwei Drittel einer Grundschullehrerin verdienen. Da stimmt was nicht. Erzieherinnen müssen besser bezahlt werden. Ich habe deshalb großes Verständnis dafür, dass Erzieherinnen für eine deutlich bessere Eingruppierung kämpfen.


    Muss sich auch einiges in der Ausbildung ändern?

    Elschenbroich: Die Ausbildung ist permanenten Änderungen unterworfen. Und in den Fachschulen wird auch gute Arbeit geleistet. Gleichzeitig geht die Tendenz zu mehr akademischen Ausbildungsgängen in der Kleinkindpädagogik. Derzeit arbeiten in Deutschland rund 350 000 Erzieherinnen, und sie qualifizieren sich täglich in der Arbeit weiter.

    Wertschätzung macht sich nicht nur in der Bezahlung, sondern auch bei den Rahmenbedingungen bemerkbar.

    Elschenbroich: Sicher. Es geht darum, wo und wie die Kindertagesstätten untergebracht sind. Gebraucht werden Rückzugsräume, Ecken, in denen sich die Erzieherinnen mit einzelnen Kindern zurückziehen können. Der Lärmpegel muss sinken, sonst ist es schwierig, sich in eine Aufgabe länger zu vertiefen. Wertschätzung zeigt sich darin, ob uns die Arbeit dieser Menschen wichtig ist, ob wir Wert auf deren Fortbildung legen und vieles mehr. Diese Wertschätzung spüren die Erzieherinnen derzeit noch nicht – jedenfalls nicht in dem erwünschten Ausmaß.


    Welche Rolle spielt die Familie?

    Elschenbroich: Die Rolle der Familie darf nicht vernachlässigt werden. Denn der Alltag bietet jede Menge Bildungsgelegenheiten. Und diese Gelegenheiten nehmen Kinder sehr gerne wahr. Es gibt für sie fast nichts Spannenderes als die Entdeckung von Alltagsgegenständen. Aber diese Gegenstände sprechen nicht von allein, sie brauchen Erklärung und Erläuterung – nicht nur im Kindergarten, sondern im Alltag. Und das bedeutet: Die Kinder einbeziehen, auch wenn der Vorgang dadurch länger dauert. Das gilt für den Kindergarten, aber vor allem für zu Hause. Eltern haben aber leider nicht gelernt, sich mit ihren Kindern über diese Alltagsgegenstände zu verständigen. Auch hier wird die Erzieherin im Kindergarten, in der Kindertagesstätte ansetzen – indem nämlich die Eltern einbezogen werden. Denn beide - Eltern wie Erzieherinnen – sind Bildungsbegleiter.

     

    Wunderkammer des Wissens

    Schränke können sich in Wunderkammern des Wissens verwandeln. Verschiedene Kindertagesstätten haben diese Idee der Wissenschaftlerin Donata Elschenbroich inzwischen aufgegriffen. Hier werden Alltagsgegenstände aufgewahrt – Mechanische Kaffeemühlen zum Beispiel, Stimmgabeln, Wasserwaagen, eben Dinge, die im Alltag gebraucht werden. Im Kindergarten werden diese Gegenstände herausgenommen und zusammen mit den Kindern erkundet. Zudem können die Kinder sich einzelne Gegenstände ausleihen: Sie nehmen sie mit nach Hause und entdecken diese Gegenstände zusammen mit ihren Eltern. Die Idee, die hinter den Wunderkammern des Wissens steckt: Für Kinder ist nichts spannender als das Erforschen von Alltagsgegenständen.